Vintage Gitarren vs Relic Gitarren – Was Du über Aging wissen solltest

Vintage Gitarre vs. Relicing: Kann Gitarren-Aging mit den Klassikern mithalten?

Echte Vintage Gitarren kaufen ist heute schnell mit hohen Summen verbunden. Der Sound alter E-Gitarren und Akustikgitarren ist absolut legendär und wird deshalb quasi mit Gold aufgewogen. Noch teurer werden die Gitarren, wenn ein Künstler seine Finger dran hatte. Bei einer originalen Jimi Hendrix Strat kannst Du zum Beispiel sicher sein, dass sie für einen fetten sechsstelligen Betrag über den Tisch geht.

Leider können die meisten Gitarristen sich diesen Luxus nicht leisten. Gerade deshalb ist in den letzten Jahren der Relic-Trend aufgekommen. Gitarren-Aging oder Relicing ist ein Prozess, bei dem die Gitarre künstlich „auf alt gemacht“ wird. Die Relic bzw. Aged Gitarren werden den Originalen nachempfunden und sollen diese möglichst gut ersetzen. Aber kann eine Aging-Gitarre wirklich einer originalen 1956er Fender Stratocaster das Wasser reichen?

Wir von LOUDER.com wollen dem Relic-Hype ein wenig auf den Grund gehen und Dir in diesem Zuge Infos zum Aging und dem Unterschied zu echt gealterten Vintage-Gitarren zu geben. Wenn wir Dein Interesse wecken, findest Du hier auf LOUDER.com auch einige Relic Gitarren, die Du zum Teil auch sehr günstig kaufen kannst

Gitarren Aged Fender Stratocaster Custom Shop Aged
Fender 1956 CS Stratocaster Aged - by LKG-Guitars

Wieso klingen Vintage Gitarren besser als neue Gitarren?

Wagen wir uns also an den heiligen Gral: Den unantastbaren Sound echter Vintage Gitarren. Dass ältere Gitarren einfach besser klingen als neue, hält sich als standhafte Behauptung seit Jahren. Und jeder, der schon mal eine echte Vintage Gitarre in den Händen halten konnte, wird das sicher bestätigen. So schwören auch bekannte Artists und Profi-Gitarristen auf diese alten Originale. Besonders bekannt ist hier Joe Bonamassa mit seiner unglaublichen Vintage Gibson und Fender E-Gitarren Sammlung.

Natürlich ist die Klangempfindung immer auch Ansichtssache und eine Frage der vorhandenen Gehörleistung. Und da wir alle wissen, dass der Klang mit den Fingern beginnt, kann man sich über das „Warum“ wahrlich streiten. Einige Faktoren sind dabei aber unumstößlich.

Das Holz alter Vintage Gitarren – eingeschwungen vs. Hochofen

Fangen wir beim Wichtigsten an: Dem Holz. Holz ist ein natürlicher Stoff, dessen Zellstruktur sich im Gegensatz zu Plastik oder Stahl durch Schwingungen und Verdunstung der Wasseranteile im Laufe der Jahre verändert. Holz altert also mit der Zeit ganz natürlich – man spricht hier vom „Einschwingen“. Zudem wurden früher andere und vor allem ältere Holzarten verbaut, als das bei den Gitarren der Fall ist, die Du heute neu kaufen kannst. Eine Vintage Stratocaster von 1954 ist zum Beispiel aus Esche gebaut, heute wird in der Regel Erle verwendet. Konnte man in den 1950er Jahren auf alte Holzbestände zurückgreifen und sich die Zeit nehmen, Holz ordentlich zu lagern und damit natürlich zu trocknen, wurden mit steigenden Produktionszahlen Hochöfen für die Trocknung herangezogen. Das Holz trocknet somit schneller und die Faserstruktur ist somit eine andere, als bei natürlich getrocknetem Holz.

Die Lackierung: Nitrolack vs. Poly-Lack

Außerdem ist der verwendete Lack mit für den Sound verantwortlich. Früher wurden Autolacke auf Nitrocellulose-Basis auch für Gitarren verwendet. Der legendäre Nitro-Lack ist heute leider nur noch in Custom Shops zu finden, da er diverse Schwierigkeiten mit sich bringt und auch in der Verarbeitung aufwändiger und damit teurer ist. So besteht er zum Beispiel aus bis zu 70% Lösungsmitteln, was die Verarbeitung nur unter speziellen Sicherheitsvorkehrungen erlaubt. Viele Gitarristen schwören auf dieses Nitro-Finish, weil der Lack besonders dünn ist und die E-Gitarre deshalb besonders frei schwingen kann. Leider ist Nitrolack aber auch sehr leicht brennbar, anfällig für Temperaturschwankungen und zerkratzt schnell. Heute wird in der Regel das dickere, aber auch ungefährlichere Poly-Finish verwendet. Dadurch schwingt die Gitarre weniger frei, ist aber weniger anfällig für Spielspuren.

Vergilbte Pickup-Kappen und Poti-Knöpfe
Vergilbte Pickup-Kappen und Poti-Knöpfe auf einer aged Fender Stratocaster 1956 aus dem Fender Custom Shop - Quelle: LKG Guitars

Elektronik und Pickups bei Vintage Gitarren

Zwei weitere Faktoren dürfen wir an dieser Stelle auch nicht vergessen. Die Elektronikbauteile und der Abtrag an Bundstäben und Griffbrett.

Egal ob Humbucker, P-90 oder klassischer Single Coil Pickup. Alle Tonabnehmer bestehen aus Magnetpolen und Drahtspulen. Mit der Zeit verändert sich auch hier die Struktur und der Magnetisierungsgrad der sg. Polepieces. Ebenso verändert sich die Leitfähigkeit des Spulendrahtes. Der somit entstehende und als „weich“ empfundene Sound alter Gibson PAF Picukps ist heute sehr gesucht. Originale Pickup-Paare aus den 1950er oder 1960er Jahren erzielen vierstellige Summen auf Vintage-Shows oder Online-Portalen.

Woher kommt das Spielgefühl einer Vintage Gitarre

Mit dem regelmäßigen Spiel auf einer Gitarre schwingt nicht nur das Holz und ändert seine Struktur. Auch legt die Hand am Griffbrett etliche Meter zurück. Und mit der Zeit beginnt sich der Griffbrettrand minimal zu runden. Dies trägt zwar nicht direkt zum Sound, aber mit zum einzigartig weichen Spielgefühl bei. Ein Grund, warum die Neubundierung, also ein ReFret bei alten Gitarren zu einem nicht unerheblichen Wertverlust führt, ist, dass sich die Bundstäbe durch das Greifen der Seiten nach und nach auf ein für jede Gitarre charakteristisches Niveau abnutzen. Auch dies trägt zum weichen Spielgefühl bei. Mit Aufkommen der PLEK™-Maschinen werden Gitarren unter Spannung abgerichtet und spielen sich nach der Bearbeitung wie eine über Jahre eingespielte Vintage Gitarre.

Ein gutes Beispiel für den abgerundeten Griffbrettrand liefern Gitarren aus dem Dean Guitars Custom Shop in Tampa Florida. Dort werden die Custom Shop Gitarren am Griffbrettrand abgerundet, was für ein sehr angenehmes und leichtes Spielgefühl sorgt. Inspiriert vom Vorbild alter und lange gespielter Vintage Gitarren.

Wir haben also Sound, Optik und Spielgefühl bei Vintage Gitarren betrachtet. Schauen wir uns doch jetzt mal an, ob und wie es Fender, Gibson und Co. gelingt, das mit Gitarren-Aging nachzumachen.

Rückseite einer aged 1956er Fender Stratocaster aus dem Custom Shop
Rückseite einer aged 1956er Fender Stratocaster aus dem Custom Shop - by LKG-Guitars

Wie funktioniert Aging und klingen die Gitarren hinterher auch besser?

Aging oder Relicing ist in der Regel mehr, als nur das mutwillige Zerstören einer Gitarre. Viele Gitarren fallen zwar zunächst durch ihr abgenutztes Aussehen auf, dahinter steckt aber meist noch viel mehr.

Das zerkratzte, abgeplatzte Finish ist nur Teil des Erlebnisses, das Du bei einer Relic E-Gitarre geboten bekommst. Stundenlang analysieren die Gitarrenbauer jedes kleinste Detail echter Vintage-Gitarren. Dank dieser Detail-Analyse sehen die fertigen Aged Gitarren nicht nur so aus, als wären sie gespielt worden, sie klingen meist auch sehr ähnlich.

Für die Aging-Gitarren sind quasi überall spezielle Hölzer vorgesehen. Diese sind älter und wurden lange gelagert, um die gewünschte Qualität sicher zu stellen. Je nach Custom Shop werden die Hölzer auch noch speziell behandelt, damit die E-Gitarre schon „eingeschwungen“ bei Dir ankommt. Allen voran ist hier wohl der deutsche Custom Shop von Sandberg Guitars zu nennen. Die Jungs von Sandberg bieten ein „Thermo Treatment“ an, welches das Holz perfekt vorbereitet.

Was ist an einer Relic E-Gitarre noch besonders?

Ein wichtiger Teil des Aging-Effekts sind auch die Tonabnehmer. Nicht nur werden die Kappen künstlich optisch gealtert – die Spulen werden sogar speziell angepasst. Besondere Erwähnung verdient hier die Frau hinter den legendären Fender Singlecoil-Pickups, Abigail Ybarra. Zwischen 1956 und 2013 hat sie für Fender Tonabnehmer-Spulen von Hand gewickelt. Diese Fender Custom Shop Pickups bleiben bis heute quasi ungeschlagen. Zu Ybarras bekannteren Fans zählen unter anderem Eric Clapton, Jimi Hendrix und Stevie Ray Vaughn.

Aber auch kleinere Custom Shops bieten sehr gute Vintage Tonabnehmer an. Besonders gute Vintage Pickups kannst Du zum Beispiel direkt von AmberPickups kaufen. Wolfgang Damm, der Gründer von AmberPickups, wickelt genau wie Ybarra alle seine Pickups von Hand. Gerade deshalb verwenden Gitarrenbauer wie Walter Kraushaar oder Maybach besonders gerne die Vintage Style PAF-Humbucker Tonabnehmer von AmberPickups.

Aber wer bietet nun das beste weil authentischste Gitarren-Aging?

Wenn Du eine Aged oder Relic E-Gitarre kaufen möchtest, hast Du viele verschiedene Anlaufpunkte. Am prominentesten sind wahrscheinlich der Fender und Gibson Custom Shop. Die beiden Großhersteller versuchen, die E-Gitarren möglichst identisch zu den Originalen aus den 50ern und 60ern zu bauen. Diese Bemühungen gehen so weit, dass sogar derselbe Kleber verwendet wird, wie in den 50er Jahren. Die Aged Gibson Gitarren findest Du dementsprechend auch unter dem Begriff „True Historic“. Jede der Gitarren wird eigens gealtert und kriegt so, trotz Massenproduktion, einen ganz eigenen Vibe.

Wenn Du ein Aging von Fender kaufen möchtest, musst Du hingegen nach „Relic“ suchen. Auch hier findest Du viele Custom Shop Stratocaster und Telecaster Gitarren, die gealtert wurden. Hier fällt jedoch auf, dass die Finishes der E-Gitarren zum Teil viel stärker beschädigt werden, als bei den Gibson Modellen. Ob Du eher Fan des Fender- oder des Gibson-Looks bist, musst Du im Endeffekt selbst entscheiden. Denn klingen tun beide Marken gleich geil, wenn auch auf total unterschiedliche Art und Weise.

Übrigens geht Aging auch bei Akustikgitarren. Zum Beispiel kannst Du von Martin eine Aged Akustikgitarre kaufen. Hier steht insbesondere der volle Vintage Sound im Vordergrund. Hierzu haben Martin extra den Akustikgitarren-Lack aus den 1930 Jahren repliziert. Vorbild für die Aged Akustikgitarren von Martin ist eine Martin D-28 von 1937. Auch hier kriegst Du also mega Vintage Sound mit echtem Gefühl!

Ach ja, bevor ich es vergesse: Wenn du eine Aged PRS Gitarre kaufen möchtest, wirst Du wohl noch etwas warten müssen. Bisher lehnt PRS sogar Anfragen enger Bekannter ab, wie in diesem Video zu sehen ist

Aber vielleicht findest Du bei uns ja eine geile gebrauchte PRS im Used-Look.

Alternativen zu Aging und Relicing von Fender und Gibson

Wenn Du lieber keine Gitarre von einem der großen Hersteller kaufen möchtest, ist das auch kein Problem. Viele Gitarrenbauer bieten eigene Relicing und Aging Varianten an, die sich sehen lassen können.

Besonders beliebt ist, wie schon erwähnt, der Sandberg Custom Shop. Hier kannst Du zwischen drei unterschiedlichen Abnutzungsstufen von „Soft“ bis „Hardcore“ wählen. Und das Finish schreit wirklich Rock’n’Roll, denn alle Parts werden gealtert. Auch Schlagbrett, Pickup-Cover und sogar Headstock werden entsprechend auf Road Worn getrimmt. Wenn Du mehr dazu wissen willst, findest Du bei uns auf der Seite übrigens auch einen ausführlichen Sandberg-Artikel.

Auch viele weitere Gitarrenbauer bieten Relicing und Aging an. In unserem LOUDER.com-Magazin findest Du eine große Auswahl an Custom Shops und Gitarrenbauern, die Dir bestimmt gerne weiterhelfen.

Die wahrscheinlich günstigsten Relic-Gitarren kannst Du übrigens von Slick Guitars kaufen. Hier kriegst Du für unter 300€ ein dünnes Finish mit klassischem Abnutzungs-Look. Auch die Pickups werden von Slick Guitars speziell entwickelt und klingen für den Preis richtig genial.

Lohnt es sich, eine Aged Gitarre zu kaufen?

Wie ist das jetzt mit den Relic Gitarren? Lohnt es sich, eine Aged E-Gitarre zu kaufen oder muss es doch ein Original sein? Wir haben versucht, Dir das Phänomen Aging ein wenig näher zu bringen. Natürlich ist der abgewetzte Look geil, aber hinter den Gitarren steckt in der Regel noch viel mehr.

Hier auf LOUDER.com findest Du künstlich gealterte aber auch echte Vintage-Gitarren. Denn hier verkaufen etliche Händler und Privatleute Vintage-Gitarren verschiedener Marken und Dekaden.