High Gain Amps die Zweite: Peavey 6505 im Test

Der Peavey 6505 ist ein Amp, den man getrost als Klassiker bezeichnen kann. Trotzdem werde ich häufig gefragt, was ich so tue, um einen anständigen High Gain Sound zu erzeugen. Da fragen einen die Leute dann, was man dafür braucht: Vielleicht ein Distortion-Pedal, oder einen Overdrive mit Booster. Oder ein Fuzz, schön angedickt mit einem extrem kurz eingestellten Delay und einer Verstärkerendstufe auf Eleven. Oder alles gleichzeitig. Denn irgendwo zwischen all den Schaltkreisen und Kondensatoren muss sich doch nebst Nebengeräuschen der Highlige Gral des Gains befinden.

Dem ist aber nicht so. All diese Pedale haben ihre Bewandtnis, wenn man einen bestimmten Sound sucht – einen geilen Crunch zum Beispiel, oder einen rockigen Distortion für coole Chords. Aber mit High Gain, mit starker Verzerrung, haben diese Effekte nichts gemeinsam. Da kann man das Gain-Poti noch so weit aufdrehen, ordentlich Zerre bekommt man so nicht. Irgendwann ist einfach Schluss.

Aber woher kommt dann die brachiale Dampfwolke, die über das Auenland fegt und all die Hobbits und Zwerge in die düstere Verdammnis zwingt? Woher kommt das Donnerwetter, wenn nicht aus den Pedals und Multieffekten? Die Antwort ist ganz einfach: Die Power kommt aus dem richtigen Amp. Daher lautet meine Antwort auf die Frage, wie man einen anständigen High Gain Sound hinbekommt: Du brauchst einen anständigen Amp! Einen anständigen Amp mit anständigen Gain-Reserven. Wie zum Beispiel den Peavey 6505.

Peavey 6505
Die Front des Peavey 6505. Übersichtlich und klar. Copyright @ Peavey Electronics Corporation.

Peavey 6505 – Amerikanischer Dampfhammer

Der Peavey 6505 ist ein echter Klassiker, wenn es um die Prise Extra-Distortion geht. Und wie das mit Klassikern so ist, hat er sogar eine gewisse Geschichte hinter sich. Denn er ist der Nachfolger des 5150, Eddie Van Halens berühmten Amp-Modell, welches mittlerweile leicht abgeändert bei EVH erhältlich ist.

Was den originalen 5150 von Peavey angeht, so war dieser, als man ihn 1992 präsentierte, ein Paradebeispiel für hochverzerrende High Gain Amps.

Ein schönes Low-End, konsequente Geradlinigkeit, der tighte Sound und die schier endlose Reserve an Distortion des 120 Wattmonsters machten ihn zu einem der meistverwendeten Amps auf den Metalalben der 90er.

Peavey 5150. Peavey 6505s predecessor
Der ursprüngliche 5150 von Peavey. Copyright @ Peavey Electronics Corporation.

Im Jahre 2005 kam schließlich die Neuauflage des 5150er raus, der Peavey 6505.  Der Name beinhaltet dabei das Gründungsjahr Peaveys, 1965, sowie das Herstellungsjahr des 6505, 2005. Mit ihm führte Peavey den Metaltriumphzug weiter an, unter anderem im Rig von Machine Head, Trivium und Carcass. Daher ist dieser Amp genau der Richtige, um hier kurz vorgestellt zu werden. Zumal er sagenhaft günstig ist.

Peavey – Erfahrung im Handwerk

Peavey ist eine Firma, die für viele innovative Entwicklungen bekannt ist. Gleichzeitig ist ihre Produktpalette nahezu allumfassend, weswegen nicht nur Amps für Gitarren, sondern auch eigene Speaker, Lautsprecher und Soundmodule für Events nahezu jeder Größe im Repertoire zu finden sind. Diese Erfahrung im musikalischen Bereich vorausgesetzt, ist es kein Wunder, dass der Peavey 6505 seit Jahren erfolgreich in den Bereichen Rock, Hardcore und Metal Verwendung findet. Denn das Gerät ist nicht nur nahezu 1A konzipiert, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes roadtauglich, ja sogar offroadtauglich – auch im übertragenen Sinn. Jetzt aber erst einmal etwas Sound…

Peavy 6505 - Metal | Ola Englund | On Youtube.com

Peavey 6505 – Kanäle und Sound

Der Peavey 6505 kommt mit zwei Kanälen daher. Diese kannst Du über das Frontpanel oder mit Hilfe des mitgelieferten Zweifach-Fußschalters umschalten. Beide teilen sich dabei den gleichen Equalizer, was für einige ein Mangel an Feinjustierung zwischen zwei unterschiedlichen Kanälen sein wird, keine Frage. Auf der anderen Seite ermöglicht es aber das Einstellen eines schönen steigerungsfähigen Sounds. Dieser wiederum behält seine unverwechselbare Klangfarbe von Clean bis hin zu High Gain unverändert bei. Also nicht unbedingt ein Nachteil.

Die Klangfarbe erhält der Amp durch fünf 12AX7 Röhren in der Vorstufe und vier 6L6 Endstufenröhren. Vor- und Endstufe lassen sich dabei über die Pre- und Postgain Potis, welche jeweils für den Rhythm- und Leadchannel vorhanden sind, justieren.

Ganz easy also, nur mit dem Unterschied, dass es hier anders benannt wird.

Peavey 6505
Peavey 6505. 2 Kanäle, einen EQ. Copyright @ Peavey Electronics Corporation.

Der Rhythm-Channel des Peavey 6505

Kommen wir zu den einzelnen Kanälen. Der Rhythm-Channel ist sowas wie der Clean-Channel des Amps. Clean ist dabei jedoch als relativ zu betrachten, denn eigentlich rockt der Kanal mit aufgedrehtem Pre-Gain schon so dermaßen das Gemächt, dass sich andere Amps direkt ehrfürchtig von alleine ausschalten. Dreht man die Gainstufe allerdings runter, so erhält man einen recht reinen Sound, der ein gut verwendbares Fundament für eure Bodentreter bietet – Vor allem im Hinblick auf den seriellen Effektweg des Amps.

Nichtsdestotrotz hat der Clean-Sound schon oft für Furore gesorgt. Angeblich weil er nicht gut genug sei. Aber dazu muss gesagt werden: Das hier ist auch kein Fender Twin Reverb, oder ein Roland Jazz Chorus, sondern ein gänzlich anderes Verstärker-Konzept.

Clean im Rhythm-Channel des Peavey 6505

Der Cleansound ist jedenfalls definitiv als gut zu betrachten. Was den Anschlag der Saiten angeht, so bringt er diesen sehr tight und perkussiv herüber. Gleichzeitig ist der Klang im guten Sinne steril, da er schlichtweg rein und sauber klingt. Er kann aber auch warm und voll, nahezu bluesig, wenn man ihn mit leicht aufgedrehtem Gain singen lässt.

Peavey 6505 Cabinet
Das abgeschrägte Peavey 6505 Cabinet. Damit wummst es noch mehr. Copyright @ Peavey Electronics Corporation.

Jedoch ist dabei wichtig zu erwähnen, dass der Grad der Verzerrung bei höherer Lautstärke aufgrund des Post-Gains eindeutig zunimmt. Dreht Du dann noch das Pre-Gain weiter auf, erhältst Du Töne, die man eigentlich erst von dem Crunch-Channel erwartet hätte. Da merkt man direkt, in welche Richtung der Amp einen drücken will. Aber warum auch nicht? Wir wollen ja Gain. Und damit fügt sich der Rhythm-Channel sehr gut in das Gesamtkonzept des Amps ein, was ebenfalls ein wichtiger Aspekt ist, wenn man sich einen neuen Verstärker anschaut.

Bedenkt man dann die Gain-Reserven, kann man eigentlich froh sein, dass bei den wenigen Kanälen überhaupt ein anständiger Clean-Sound zustande kommt. Dementsprechend: Einfach in den nächsten Store fahren, ausprobieren und selber eine Meinung bilden. Wir finden den Rhythm-Channel jedenfalls geil!

Anboosten des Rhythm-Channels eines Peavey 6505

Der Peavey 6505 bietet im eben beschriebenen Rhythm-Channel noch die Möglichkeit, den Sound via zweier kleiner Schalter anzudicken. Einer davon ist der Bright-Switch, ein Treble-Boost. Hierdurch wird der Ton in den Höhen voluminöser, durchsetzungsfähiger und gewinnt gleichzeitig an Sustain.

Schaltet Du nun noch in den Crunch-Mode, steppt dann schon heftigst der Bär. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass man sich weiterhin in dem Kanal befindet, der vorhin eigentlich noch Clean war. Drehst Du nun den Master mitsamt des Pre-Gains auf, kommt hier schon das erste wuchtige High-Gain Extra des Tages zum Vorschein.

Keine Spielereien, nur Dampf, jedoch etwas weicher als der eigentliche Lead-Channel. Sehr gut auch für britische Sounds, wenn das Gain wieder ein wenig zurückgenommen wird und die Mitten höherfrequentiert mit reingezogen werden. Sehr zu empfehlen! Und hochverzehrt eindeutig ein Genuss. Durch das Low-End eigentlich auch für Stonerrock-Combos und ähnliches interessant.

Lead-Channel, Presence und Resonance

Kommen wir nun zum Lead-Channel. Hier herrscht dann nämlich doch noch ein ganz anderes Kaliber – Das Kaliber, weswegen wir uns hier heute versammelt haben. Dreht man das Pregain nämlich schön so auf sechs, und reisst den Master (Postgain) auf, kommt einem der Sound, der aus dem Speaker kommt, so dermaßen bekannt vor, dass man direkt anfängt alte Metalriffs loszubrettern. Master of Puppets, Battery, Reign in Blood und all der ganze 80er-Kram, den man ewig nicht mehr gespielt hat.

Das Großartige an dem Amp ist dabei die Tightness im Bereich der Transienten. Während die Gainreserven schier endlos sind (auf sechs guckte der Drummer aus der Classicrock-Band schon ängstlich), bietet er selbst auf den höheren Leveln eine Reinheit, die sämtliche Anschläge spürbar machen.

Es matscht einfach nicht und man hört jeden Down- und Upstroke. Da werden Singlenoteriffs zum reinsten Genuss.

Aber auch das Solieren gefällt, da sich eure Solos mit Endlos-Sustain und ordentlich Fläche durchzusetzen vermögen. Aalglatt und scharf schneidet sich der Sound durch das Bandgefüge, wie Leonidas Schwert in der Schlacht an den Thermopylen. Da rollen Köpfe. Nur das wir die Klinge mit 120 Watt ersetzt haben. Mann ist das laut.

Peavey 6505 MH Minihead
Wenn euch 120 Watt zu viel sind, gibt es jetzt auch das Peavey 6505 Minihead. Copyright @ Peavey Electronics Corporation.

Resonance und Presence – Endstufenregelung der Höhen und Bässe

Das Gute an dem Peavey 6505 ist, dass er eigentlich Gain für zwei Gitarristen hat. Das Beste an dem Peavey ist aber, dass man dieses Gain auch als einzelner Gitarrist auskosten kann. Den entsprechenden Speaker vorausgesetzt, lässt sich mit diesem Amp ein Druck erzeugen, den man einfach nicht mehr vermissen möchte. Und damit man den auch an jede Situation anpassen kann, hat der Amp noch eine Resonance- und Presence-Regelung. Dieses Feature, welches mittlerweile in viele neuere Amps integriert ist, bietet Dir die Möglichkeit, gewisse Frequenzen hervorzuheben.

Mit Resonance gewährst Du den Bässen mehr Raum, wodurch sich schlagartig das gesamte Volumen des Sounds erhöht. Der Amp gewinnt immens an Bauch. Aber auch an Druck, da die Speaker letztendlich mehr Frequenzen bewegen. Jedoch ohne einen Verlust beim Anschlag einzufahren, da die Transienten weiterhin perkussiv und sauber bleiben. Kein Wunder also, dass so viele Bands im Hardcore- und Metalbereich den Amp genutzt haben.

Der Presence-Regler tut in der Regel dasselbe, nur eben im höherfrequenten Bereich. Gewissermaßen erweiterst bzw. reduzierst Du damit die Menge der Höhen, die Du in die Endstufe lässt.

Mit beiden Reglern lässt sich der Sound verfeinern und den entsprechenden Gegebenheiten anpassen. Neben den beiden Reglern, bietet er auch noch zwei separate Eingänge: Den High Gain Input und den Normal Gain Input. Der erste bietet dabei doppelt so viel Gain wie der zweite. Während der High Gain Input also für das absolute Maximum an Zerre ist, so kann der Normal Gain Input auch gut mit Gitarren verwendet werden, deren Humbucker einen höheren Output haben. Wenngleich auch hier ruhig mal der High Gain Input probiert werden sollte.

Übrigens: Es können auch beide Inputs simultan verwendet werden, dann schaltet der Amp aber auf Normal Gain um. Daher ist diese Herangehensweise für High Gain nicht unbedingt zu empfehlen.

Peavey 6505 – Optik eines Schwerenöters

Dafür, dass der Peavey so frivol auf vielen Alben der härteren Genres unterwegs war, kommt er in einem ziemlich schlichten Äußeren daher. Im Grunde genommen ist er fast komplett schwarz, mit ein wenig Silber, sodass man ihn sogar mit Frack und Fliege auf einer Hochzeitsfeier spielen könnte.

Peavey 6505
Der Peavey 6505 erscheint in schwarz und silber. Links sind die beiden Inputs zu erkennen. Copyright @ Peavey Electronics Corporation.

Das Silber unter den robusten, nicht wackelnden Potis erinnert dabei an den Silver Stripe, eine Reminiszenz an die Peavey Vergangenheit, bei der die Front der Peavey-Boxen mit umgedrehten Aluminiumstreben fixiert war. Schön, wie das auch bei diesem Amp als Stilmittel und gleichzeitiges Markenzeichen verwendet wird. Das Gehäuse des 6505 ist dabei schwarz und auch das passt sehr gut. Auf der Oberseite hinter dem Tragegriff befinden sich die Lüftungsschlitze. Alles ist fest und sauber verarbeitet, nichts wackelt, nichts sieht schäbig oder billig aus. Und das bei einem unschlagbaren Kampfpreis von 999 Euro.

Peavey 6505 – Der schöne Rücken

Die Rückseite ist ebenso aufgeräumt wie die Front. Hier finden sich die Speaker-Outs, welche über einen Switch an 4, 8, oder 16 Ohm Boxen angepasst werden können und auch die Buchse für den Fussschalter. Dazu gibt es einen Preamp Out und einen seriellen Effektweg zum Einschleifen Deiner Bodentreter. Leider gibt es keinen parallelen Effektweg, um den Sound des Amps mit Deinen Effekten vermischen zu können. Aber für so einen guten Preis muss man eben irgendwo Abstriche machen. Zumal die meisten Hard Rocker und Metaller ohnehin mit relativ wenig Effekthascherei auskommen. Der serielle Effektweg funktioniert jedenfalls tadellos.

Peavey 6505 Rückseite
Die Rückseite des 6505 ist ebenfalls makellos verabeitet. Copyright @ Peavey Electronics Corporation.

Fazit:

Der Amp ist ein Schlachtschiff. Kann sich aber auch in anderen Disziplinen bewähren. Mit seinem eigentlich eher beschränkten Setup bietet er genügend Einstellmöglichkeiten, um den Klang zu eigenen Gunsten einzustellen. Dabei bleibt sein individueller, unverkennbarer Sound immer bestehen. Er ist durch die Bank sauber, tight, ultraheavy und killermäßig laut.

Peavey 6505+ Amp
Der Peavey 6505+ mit separatem EQ vor dem Whiskyagogo. Copyright @ Peavey Electronics Corporation.

Wenn Dir der eine EQ zudem nicht ausreicht und Du Dir etwas mehr Feintuning wünschst, dann kannst Du immer noch zum Peavey 6505+ greifen. Dieser kommt mit einer ähnlichen Konfiguration, bietet jedoch separate EQ’s für beide Kanäle. Und solltest Du es etwas kleiner haben wollen, dann gibt es sogar noch den 6505 MH MiniHead, bei dem Du zwischen 20, 5, oder 1 Watt umschalten kannst.

Alles in allem ist der 6505 ein geiler Amp, der eine Menge Spaß bereitet und mit ein wenig Feingefühl auch nicht nur für die härtere Fraktion zu gebrauchen ist. Wenngleich er dort mit seiner XXL-Portion an Distortion definitiv in der höchsten Liga spielt.


  • Amp: Peavey 6505
  • Speaker: Marshall 1960B | Engl Ritchie Blackmore mit V30 | Mesa Rectifier Cabinet
  • Boss DD3 (zum Test des Effektweges)

weiterführende Links:

Test: Marshall JVM410H