Effekt-Klassiker aus Deutschland: Nobels ODR-1 Overdrive im Test

Die Wahl der Nashville-Studiogitarristen: Nobels ODR-1 Overdrive im Test

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Nobels ODR-1 Overdrive – by larsgroetzinger.de

    

Wie ein Verzerrer aus Hamburg die Welt eroberte

Die Gitarrenhelden in den Studios des US-Musik-Mekkas Nashville verehren seit 30 Jahren ein grünes Zerrpedal. Es befindet sich dort praktisch auf jedem Pedalboard. Aber kein großer Hersteller aus den USA oder Japan hat diesen genialen Treter entwickelt … das Pedal kommt aus dem heimischen Hamburg an der Elbe! Wir erzählen die Geschichte dieser Wunderkiste.

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Nobels ODR-1 Overdrive – by larsgroetzinger.de

Gitarren-Rock und die wilden 70er

Bernhard Kurzke ist ein „Dinosaurier“ der Musikinstrumenten-Szene. In den wilden 1970ern war er als junger Keyboarder im pulsierenden Hamburg unterwegs. Rund um die legendäre Kneipen „Onkel Pö“ und „Logo“ erlebte er den Karrierenbeginn von z.B. Udo Lindenberg und Otto Waalkes hautnah mit. Bernhard übernahm einen kleinen Musikladen in einer Seitenstraße der berüchtigten Reeperbahn, der „sündigsten Meile der Welt“. Sein Laden wurde schnell auch überregional bekannt. Denn Bernhard reiste mit Greyhound-Bussen quer durch die USA und brachte Ende der 70er als einer der ersten Händler die begehrten amerikanischen Gitarren und Ersatzteile nach Deutschland. Man traf in seinem Shop nicht nur die lokale Szene, sondern auch die Gitarrenhelden und international berühmten Bands, die sich vor ihren Gigs in Hamburg dort die Zeit vertrieben und Vintage-Gitarren testeten: Chuck Berry, Keith Richards, Alexis Corner, Jefferson Starship, Johnny Winter, usw. Der „NO.1 MUSIC PARK“ in der Talstraße wurde berühmt!

NO.1 Guitars und Nobels Effektpedale

Durch Bernhards inzwischen hervorragenden Kontakte wurde der kleine „NO. 1“ Shop auch Europavertrieb für viele frische und damals noch unbekannte Marken wie Charvel-, Jackson- und ESP-Gitarren, EMG-Pickups, Steinberger- und Spector-Bässe und Effekte von TC Electronics. Der Ritterschlag erfolgte, als Bernhard für den Branchenriesen FENDER die Ersatzteilversorgung für 1.800 Händler in ganz Deutschland übernehmen durfte!

Der Laden wuchs weiter und war nach einem Umzug mit Gitarren-, Amp-, Drums- und Keyboardabteilung sowie 26 Mitarbeitern einer der größten deutschen Rock’n’Roll-Shops der 80er-Jahre. Aber damit nicht genug: Keyboarder Bernhard Kurzke schuf für die Firma Höfner das Design für 33 verschiedene E-Gitarrenmodelle einer günstigen Einsteigerserie. Mit 260.000 (!) verkauften Gitarren wurde es ein riesiger Erfolg. Mit dem elastischen „No. 1 Stretch Gurt“, mit dem das Gewicht der Gitarre kaum noch spürbar ist, gelang ihm sein erster weltweiter Verkaufsschlager. Leo Fender war der erste Interessent, Weltfirma PEAVEY bot den Gurt in den USA an, bis heute ist der Stretch-Gurt weltweit erhältlich. Derart motiviert, gründete Bernhard die Firma NOBELS, um die Gitarrenwelt mit neuen Effektgeräten zu beglücken.

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Nobels ODR-1 Overdrive – by larsgroetzinger.de

Geheimtipp: Nobels ODR-1 kaufen

Das Konzept von NOBELS war frisch: Tolle Sounds mit cleveren Ideen zum günstigen Kurs. Tausendsassa Kurzke stampfte mit seinem jungen Elektronik-Studenten Kai Tachibana eine ganze bunte Effektpedalserie aus dem Boden, dazu programmierbare Multieffekte, MIDI-Footcontroller, gutklingende Übungsamps und die „Little Helpers“. Das waren kleine Kästchen fürs Pedalboard: Mixer, Splitter, A/B-Schalter, Einschleifwege, MIDI-Switcher, DI-Boxen … so klein und günstig waren sie eine echte Revolution. Wer damals billig produzieren wollte, musste nach Taiwan, Korea und China. Bernhard flog dorthin: Die Abenteuer, in den damals unterentwickelten Ländern die Produktion zu starten, können ein ganzes Buch füllen. Nebenher baute Bernhard ein weltweites Vertriebsnetz für Nobels-Effekte auf und stellte die Geräte auf über 90 internationalen Messen vor. Außerdem betreute er weiter seinen wachsenden Shop in Hamburg, der inzwischen Bands wie die Rolling Stones, Scorpions und Maffay mit Instrumenten versorgte.

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Nobels ODR-1 Overdrive – by larsgroetzinger.de

Der Nobels „Natural Overdrive“ wird zum Kult

Aus der Nobels Effekttreter-Serie wurde ein Pedal extrem erfolgreich. Der grüne ODR-1 „Natural Overdrive“. Elektronik-Talent Kai Tachibana erschuf dabei einen neuen Klassiker. Nach und nach wurde der Zerrer bekannt. Und gerade in der Blues- und Country-geprägten Studioszene von Nashville verliebten sich die Gitarrenhelden in den offenen und warmen Zerrsound des ODR-1. Tim Pierce, Carl Verheyen, Clem Clempson, Rick Vito, Robbie McIntosh, Andy Fairweather Low und andere wurden begeisterte User … und der Bending-Gitarrengott Jerry Donahue von den Hellcasters weltweiter Endorser.

Was macht Herr Kurzke von Nobels heute?

Der jung gebliebene Bernhard lässt es mit seinen 66 Jahren etwas ruhiger angehen. Er lebt im schicken Stadtteil Hamburg Eppendorf und sorgt für den Europavertrieb der beliebten EMG-Tonabnehmer. Natürlich lässt er den kultigen Nobels ODR-1 weiter produzieren, mittlerweile in einer high-tech Fabrik in China. Der grüne Nobels Overdrive ist auch nach 30 Jahren noch weltweit erhältlich. Hoffentlich schreibt Bernhard bald seine Memoiren. Seinen Erlebnissen kann man stundenlang lauschen. Denn er hat in Europa, den USA und Asien einfach alle getroffen, die in der Musikbranche Rang und Namen haben.

 

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Nobels ODR-1 Overdrive – by larsgroetzinger.de

Nobels ODR-1 im Test

Der Overdrive von Nobels wird schon seit Jahrzehnten als „ewiger Geheimtipp“ gehandelt. Warum ist das so? Wir ergründen gleich das Geheimnis, schauen uns den grünen Treter aber erstmal von außen an:

Außenansicht des Nobels ODR-1

Das typische Nobels Effektpedal-Gehäuse stammt aus den 80ern und ist sicherlich von Boss inspiriert. Große Schaltfläche, knackfreier elektronischer Schalter, geschützte Regler. Aber schon gleich beim Gehäuse kommen die cleveren Ideen zum Vorschein, für die Nobels immer bekannt war: Das Batteriefach ist, ohne eine Schraube lösen zu müssen, direkt von oben zugänglich. Einfacher geht es nicht mehr. Außerdem gibt es auf der Stirnseite neben INPUT und OUTPUT eine dritte Buchse. Falls das Pedal in ein Rack eingebaut wird, lässt sich mit der REMOTE-Buchse der Fußschalter fernbedienen. Die Nobels-Treter waren daher die einzigen Bodeneffekte, die sich direkt an ein Switcher-System anschließen ließen. Auf der Stirnseite prangt das Nobels-Logo und verkündet auf jeder Bühne gut sichtbar den Hersteller. Diese Werbefläche hatten alle anderen Hersteller vergessen …

Das Klang-Geheimnis des Nobels ODR-1 Overdrive

Chef-Elektroniker Kai Tachibana ließ sich zunächst vom legendären grünen Ibanez „Tube-Screamer“ inspirieren und erschuf dann aber das genaue Gegenteil! Ein typisches Zerrerpedal bearbeitet die mittleren Frequenzen sehr stark, um einen ganz typischen Zerr-Charakter zu erzeugen, und senkt dafür auch oft die Bässe ab. Tachibana & Kurzke wollten das genaue Gegenteil: Ein Zerrer, der den ursprünglichen Klangcharakter der Gitarre NICHT verändert. Offen statt nasal. Und das ist genau, was der ODR-1 macht: Er lässt sich vom Booster bis zur singenden Verzerrung regeln, beackert aber nicht die Mitten- und Bass-Frequenzen, das Instrument behält seinen Charakter. Der Name „Natural Overdrive“ für den ODR-1 ist sehr passend gewählt!

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Nobels ODR-1 Overdrive – by larsgroetzinger.de

Der Tausendsassa unter den Overdrive-Effekten

Die Gitarre – egal ob Tele, Strat, SG oder Les Paul – bekommt eine warme, angenehme Verzerrung, der Charakter bleibt. Da der ODR-1 auch die Bässe nicht wegschneidet, ist er auch bei Bassisten sehr beliebt. Und selbst eine Akustikgitarre kann man damit zu etwas „Dreck“ und „Rotz“ verhelfen, um sie satter und aggressiver zu machen. Das geht mit keinem anderen Zerrer, der würde das originale Frequenzbild zu sehr verbiegen. Der ODR-1 ist sicher auch ein heißer Tipp für Sänger und Shouter, die einen Verzerrer suchen.

Spannend sind auch semiakustische Gitarren wie Epiphone Casino (siehe Oasis) oder Gibson ES-335. Diese halbakustischen Klampfen haben einen sehr akustischen Anteil im Grundklang und eine große dynamische Bandbreite. Auch dies wird vom ODR-1 nicht verändert, er reagiert unheimlich fein auf Unterschiede in der Anschlagsstärke. Interessant ist auch die Kombination mit einem Distortion-Pedal: Der vorgeschaltete ODR-1 lässt mehr Bässe zu und macht den Sound sahniger.

Der Drive-Regler am Nobels ODR-1

Ich nutze den ODR-1 gern, um eine cleane Rhythmusgitarren mit ein wenig „Schmutz“ zu versehen. Dreht man den DRIVE-Regler weiter auf, lässt sich alles im Crunch- und Blues-Bereich abdecken. Der Klangregler, SPECTRUM genannt, regelt dafür auf Wunsch immer genug Biss rein. Die Zerr-Reserven reichen bis zur Rockgitarre, allerdings immer auf die warme Art. Der ODR-1 ist schließlich ein Overdrive und kein Distortion. Mit dem DRIVE-Regler auf 0 und dem LEVEL-Regel auf über 5 wird der ODR-1 zum Booster für lautere Soli, oder um den Röhrenamp stärker anzublasen.

Fazit zum Nobels ODR-1 Overdrive Test

Das Leben kann ungerecht sein. Der Nobels ODR-1 ist ein ewiger Geheimtipp und sollte längst so bekannt sein wie andere Zerrpedal-Klassiker. Er gehört in die Effektsammlung jedes Gitarristen. Einen „Natural Overdrive“, der den Grundcharakter der Gitarre eben NICHT verändert und ausdünnt, kann jeder Gitarrist gebrauchen. Der Preis des Nobels ODR-1 ist überraschend günstig, er wäre auch als teures Boutique-Pedal jeden Cent wert. Eine 100%ige Kaufempfehlung. Schaut gern auch auf der Nobels Website vorbei.